Wo wird unsere schöne Sprache enden?
Franz Weinpolter, "Kronen Zeitung" vom 10.03.2009 Seite: 28 "(...) Als "Krone"-Abonnent stört mich am neuen Beilagen-Magazin nur der Name. Sie schreiben in Ihrer Einleitung zwar "LIVE ist Leben", dürften aber - dem Zeit(un)geist folgend - genauso dem Anglizismen-Wahn erlegen sein wie etwa die Gemeinde Wien, die ihre Hundstrümmerlpolizei "Waste Watcher", die Straßenkehrer "Kehr-Force" oder einen Fußgängersteg "Skywalk" nennt (...) die Moral von dieser Gschicht: Schämt euch der Muttersprache nicht! (...)"
Agnes Thinschmidt, "Kronen Zeitung" vom 14.03.2009 Seite: 24 "Lieber Herr Weinpolter! (...) Sie schreiben mir stets aus der Seele, denn mit dem "Denglisch" ich mich ebenso quäle. Ich habe zwar Englisch gelernt jahrelang, doch ich litt nie unter dem "gängigen" Zwang, englische Ausdrücke einfach statt deutschen zu verwenden, wo wird unsere schöne Sprache dann wohl enden?"
Prof. Dr. Rudi Keller, Universität Düsseldorf "(...) 1. Seit mehr als zweitausend Jahren ist die Klage über den Verfall der jeweiligen Sprachen literarisch dokumentiert, aber es hat bislang noch nie jemand ein Beispiel einer „verfallenen Sprache“ benennen können.
2. Vom Verfall bedroht ist offenbar immer die jeweils zeitgenössische Version der jeweiligen Sprache. Kein britischer Prinz würde beispielsweise heute darüber klagen, dass das wundervolle Angelsächsisch zu dem völlig gallifizierten Neuenglisch verkommen ist.
3. Sprachkritik ist – und auch das sollte zu denken geben – stets Fremdkritik, Kritik am Sprachgebrauch der anderen. Die Klage „Was schreibe ich doch für ein verwahrlostes Deutsch im Vergleich zu meinen Großeltern“, diese Form der Selbstkritik ist äußerst rar. (....) Ein Musterbeispiel für eine „überfremdete“ Sprache ist das Englische: Etwa 30 bis 40 Prozent des englischen Wortschatzes sind französischen Ursprungs, dank der Normannischen Eroberung und der Tatsache, dass englische Adlige bis ins 18 Jh. hinein untereinander auf Französisch zu konversieren pflegten. Wie man sieht, hat dies der Attraktivität dieser Sprache und ihrer Tauglichkeit keinen Abbruch getan – ebenso wenig wie der überwältigende arabische Einfluss auf das Spanische oder der chinesische Einfluss auf das Koreanische.
Auch in Bezug auf die vermeintliche Bedrohung des deutschen durch fremde Elemente können wir feststellen: Sie ist geringer als vermutet; und selbst wenn sie erheblich wären, würde dies der Sprache auf lange Sicht weder funktional noch ästhetisch Schaden zufügen. (...)"
Quelle:
[PDF] Rudi Keller, "Ist die Deutsche Sprache vom Verfall bedroht?"
Rudi Keller "In dem erwähnten Aufsatz vertrete ich ja die These, dass das was die Menschen als Zeichen von Sprachverfall ansehen, in Wirklichkeit nichts anderes ist als der ganz normale Sprachwandel, der sozusagen aus der Froschpersektive betrachtet und aus dem kleinen historischen Zeitfenster betrachtet, natürlich immer fehlerhafter Sprachgebrauch ist (...) wenn Sie so wollen, ist Französisch, Italienisch oder Spanisch nichts anderes als verfallenes Latein. (...) Es ist die Natur der Dinge, dass sich Sprachen im verlauf von Jahrhunderten verändern und die systematischen Fehler von heute sind wahrscheinlich die Regeln von morgen. (...)
Herbert Fussi, Österreichisches Wörterbuch: "Die Bedrohung durch Anglizismen ist vergleichbar mit der Bedrohung des Latein durch griechische Wörter. (...) Im Laufe der letzten zweitausend Jahre hat sich das Deutsche zu einer Mischsprache entwickelt. (...)"
Quelle: Ö1 Radiokolleg 2007 "Neusprech ist cool"
Weitere Informationen:
Prof. Dr. Rudi Keller, Universität Düsseldorf
Wikipedia - Sprachverfall
Wikipedia - Denglisch
science.orf.at - Eine neue Sprache zur Jahrtausendwende?
Der Sprachverfall bleibt aus
Wörter mit Migrationshintergrund
Süddeutsche Zeitung:Anglizismen in der deutschen Sprache - Goethe fände es funny
Interview mit Sprachwissenschaftler Jürgen Schiewe,
"Tiroler Tageszeitung" Nr. 4 vom 07.01.2003 Seite: 12
(...) TT: Sind die Anglizismen, die neuen, aus dem Englischen kommenden
Fremdwörter, eine Gefahr für die deutsche Sprache?
Schiewe: Ich sehe noch keine Gefahr, insbesondere in der
Jugendsprache nicht. Vieles, was in der Jugendsprache in ist, wird
beim Eintritt in den Beruf wegfallen. Was wir als Anglizismen
brauchen, müssen wir als Bereicherung der deutschen Sprache
betrachten, denn Anglizismen werden immer dort benutzt, wo eine
Bedeutungslücke vorhanden ist. Ist diese Lücke nicht vorhanden, gibt
es also ein deutsches Wort, hat der Anglizismus einen bestimmten
sozialen Mehrwert und bedeutet beispielsweise Gruppenidentität bei
Jugendlichen. Oder er transportiert bei der Werbesprache einen
bestimmen sozialen Mehrwert wie Jugendlichkeit, Attraktivität,
Modernität, bestimmter Lebensstil usw. Insofern haben Anglizismen
immer eine Funktion in der Kommunikation. Auch historisch gesehen ist
die deutsche Sprache in der heutigen Gestalt keine reine Sprache. Wir
haben sehr viele Fremdwörter aufgenommen, die wir assimiliert und der
Sprache einverleibt haben und die als Fremdwörter nicht mehr erkannt
werden."
Gerhard Rudolf, taz, 19.06.2008, S. 8 "(...) Wäre die deutsche Sprache nicht erst unter den Römern, dann unter den Franzosen Jahrhunderte lang verkommen, würden wir heute noch Althochdeutsch sprechen und Haupt statt Kopf und Leib statt Körper sagen. Doch wen störts, außer vielleicht ein paar ewiggestrigen nationalen Leichenkonservatoren. Insofern kann man der Verkümmerung des Deutschen unter dem Angelsächsischen gelassen entgegensehen. Ohnehin sind alle vier Sprachen verwandt. Und Sprachen waren schon immer kreativ in der Assimilation zugewanderter Elemente. (...)"

John F. Edmaier, "Kronen Zeitung" vom 29.12.2009 Seite:19, "Wer rettet die deutsche Sprache? Die Riege der Muttersprachenhasser wird von den Deutschen mit aller Entschlossenheit angeführt, und sie haben die Österreicher auch in diesen Bann gezogen. Es fra
Aufgenommen: Feb 14, 21:26